Lee Miller. Begegnungen

Die schöne Frau, die in Hitlers Wanne badete: Das berühmteste Bild, das der Nachwelt von der amerikanischen Fotografin Lee Miller (1907-1977) im Gedächtnis blieb, wurde bezeichnenderweise nicht von ihr selbst, sondern von ihrem Kollegen David E. Scherman aufgenommen.
Im Mai 1945 kamen Miller und Scherman mit den amerikanischen Truppen ins besiegte München, wo sie nicht nur über den Vormarsch der Allierten berichteten, sondern auch die unvorstellbaren Gräuel der nationalsozialistischen Vernichtungslager dokumentierten. Millers Aufnahmen aus Dachau und Buchenwald erschienen zuerst in der amerikanischen Modezeitschrift Vogue, wo die erschütternden Bilder der nationalsozialistischen Tötungsmaschine und ihrer Opfer im verstörenden Kontrast zu den Fotostrecken neuester Damenmode standen.
Die Kombination von Fashion und Faschismus hielten viele für mehr als unangemessen, und Kritiker der Fotografin, deren Karriere in den 20er-Jahren selbst als Modell für Vogue begonnen hatten, werfen Miller bis heute vor, mit ihren Aufnahmen den Schrecken des Holocaust eine ästhetische Dimension verliehen zu haben.
Auf diesen Vorwurf nimmt Richard Calvocoressi indirekt Bezug, wenn er in seinen Erläuterungen zu ihren Bildern immer wieder auf die künstlerischen Vorbilder und Vorlieben Lee Millers hinweist. Dabei betont er jedoch, dass Millers Kunst nie verschönend oder gar verharmlosend eingesetzt wird, sondern, im Gegenteil, die Eindringlichkeit des jeweiligen Bildes erhöhen soll. Wenn auch Calvocoressis Ausführungen nicht immer überzeugen können, der Wirkung von Millers Bildern werden sich die Betrachter kaum entziehen können.
Das besondere Gespür der Fotografin für die erschreckend absurden, fast surrealistischen Aspekte von Gewalt und Zerstörung kann sicherlich auf ihre eigenen Erfahrungen mit dem französischen Surrealismus im Paris der 30er-Jahre zurückgeführt werden. Millers Freundschaft mit Künstlern wie Pablo Picasso, Georges Braque, Max Ernst und vor allem Man Ray hatte nicht nur großen Einfluss auf ihr eigenes Werk, sondern fand auch in zahlreichen eindrucksvollen Porträts ihren Niederschlag, die in Calvocoressis Katalog noch durch Millers Aufnahmen von Filmstars wie Marlene Dietrich und Fred Astaire oder Schrifstellern wie Colette und Dylan Thomas ergänzt werden.
Die Begegnungen mit den Bildern Lee Millers bieten eine willkommene Gelegenheit, das Werk einer hervorragenden Fotografin und eine faszinierende Persönlichkeit kennen zu lernen, die zu Unrecht von vielen vergessen oder verkannt wurde. –Peter Schneck
Kurzbeschreibung
Die unkonventionelle Lee Miller (1907-1977) ist eine der anerkanntesten und meist-gepriesenen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Mit zwanzig in New York als Model entdeckt, ging sie zwei Jahre darauf nach Paris, um selbst Fotografin zu werden. Sie wurde Schülerin (und Liebhaberin) von Man Ray und fühlte sich insbesondere den Surrealisten verbunden; im Zweiten Weltkrieg agierte sie als Kriegskorrespondentin, fotografierte vor allem für die Vogue.
Im Lauf ihres Lebens lernte Lee Miller zahllose Persönlichkeiten kennen, alle hat sie fotografiert, viele wurden enge Freunde. Dieses Buch zeigt nicht nur erstmals in gebündelter Form die besten dieser Porträts – darunter Aufnahmen von Pablo Picasso, Dora Maar, Georges Braque, Fred Astaire, Marlene Dietrich, Igor Strawinsky, Yehudi Menuhin, Dylan Thomas, Colette -, sondern auch eindringliche Fotografien von Londoner Bürgern während des “Blitzkriegs”, von den Befreiungsfeiern in Paris und von Menschen in Deutschland unmittelbar nach dem Zusammenbruch des “Dritten Reichs”.
Lee Miller. Begegnungen. Die Porträts einer großen Fotografin des 20. Jahrhunderts

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